Die schwer nachvollziehbare Sichtweise des Unparteiischen
Die bittere 1:5-Niederlage der TSG Hoffenheim beim FC Bayern München erhitzt auch am Folgetag noch die Gemüter vieler Fußballfans. Dabei steht ganz besonders die strittige Entscheidung von Schiedsrichter Tobias Stieler in der 17. Minute beim Stande von 0:0 im Mittelpunkt, die einen erheblichen Einfluss auf den weiteren Spielverlauf des Top-Spiels des 21. Bundesliga-Spieltages nahm.
Was war passiert? Hoffenheims Verteidiger Kevin Akpoguma stoppte seinen Gegenspieler Luis Diaz nach Eintritt in den Strafraum im Laufduell per Trikotzupfer. Der Kolumbianer, der bei diesem Zweikampf zuvor ebenfalls seinen Gegenspieler klammerte, ging zu Boden und der Unparteiische entschied auf Strafstoß. Dem nicht genug, zückte Stieler für den Hoffenheimer noch die Rote Karte.
Die TV-Bilder belegen eine Fehlentscheidung
Die TV-Bilder beweisen aber das Gegenteil. Denn hier ist deutlich erkennbar, dass Bayerns Flügelstürmer Gegenspieler Akpoguma zuerst am Ärmel zieht. Erst dadurch fällt der Abwehrspieler zu Boden, wobei er Díaz im Fallen mitzieht. Verständlich daher die Aufregung bei den Kraichgauern, da sich die regelwidrige Doppelbestrafung nachteilig auf den weiteren Spielverlauf auswirkte. Bayerns Top-Torjäger Harry Kane war es egal, er verwandelte den Elfmeter eiskalt und brachte so sein Team in Führung.

„Für mich war es eine klare Fehlentscheidung, es war überhaupt kein Foul“
TSG-Trainer Ilzer
TSG-Cheftrainer Christian Ilzer konnte sich mit der Entscheidung überhaupt nicht anfreunden und diskutierte nach dem Abpfiff lange mit dem Schiedsrichtergespann auf dem Spielfeld. Von bwa-sport.de auf der Pressekonferenz darauf angesprochen, sagte der Hoffe-Coach: „75.000 Menschen haben sich auf ein Topspiel hier gefreut, für die tut es mir ein bisschen leid, dass es hier dieses Unterzahlspiel geworden ist. Für mich war es eine klare Fehlentscheidung. Es war überhaupt kein Foulspiel.“
Schlechter Sichtwinkel
Auch wir haben die Szene live vor Ort mitverfolgt und festgestellt, dass Herr Stieler nicht den besten Sichtwinkel zur strittigen Szene hatte. Er zögerte zunächst und entschied dann ohne Hinzuziehung des VAR bzw. der Überprüfung am Monitor am Spielfeldrand.
Stieler nimmt zur strittigen Szene Stellung
Wir haben nach dem Spiel, als sich der Hoffenheimer Mannschaftsbus längst auf der Rückfahrt befand, den Unparteiischen in der Mixed-Zone der Allianz-Arena abgepasst und ihn zu der vieldiskutierten Szene befragt. Man muss Herrn Stieler dabei zu Gute halten, dass er bereit war, zur Nachfrage ausführlich Stellung zu nehmen und nicht das Weite suchte.
„Stürmer wollen doch selbst Tore schießen„
SR Stieler über das Verhalten des Gefoulten Diaz
Für den Unparteiischen war es im Nachgang nach wie vor die richtige Entscheidung: „Zunächst einmal findet zu Beginn des Zweikampfs ein ganz normales Positions-Gerangel statt, nichts Strafwürdiges. Dann ist der Münchner Luis Diaz, um es fußballtypisch zu sagen, in einer besseren Position. Mir kann keiner erklären, warum ein Spieler, der frei vor dem Tor ist, den Ball ins Tor schießen kann, respektive quer legen kann zum freien Mitspieler, warum sich der fallen lassen soll. Und überdies auch noch der gefoulte Spieler nicht mal der Elfmeterschütze ist. Stürmer wollen doch selbst Tore schießen.“

„Für diese Art von Foul ist Rot alternativlos“
Stieler zu Doppelbestrafung
Bei der Roten Karte sieht sich der beruflich als Jurist tätige Stieler ans Regelwerk gehalten: „Wenn es sich um ein Haltevergehen handelt, ist der Platzverweis alternativlos. Der Ball war in dieser Szene nicht das Spielobjekt. Wenn der Hoffenheimer Spieler mit dem Fuß zum Ball gegangen wäre, und so den Gegenspieler zu Fall gebracht hätte, wäre es eine Reduktion, sprich eine gelbe Karte, aber Halten ist nicht fußballtypisch. Für diese Art von Foul ist das hart, aber wenn dadurch eine Torchance verhindert wird, dann ist Rot alternativlos. Da komme ich nicht drumherum. Ich kann die Sichtweise der Hoffenheimer nachvollziehen, aber die Antwort aus dem Regelwerk ist klar.“
„Ich muss für mich eine Entscheidung treffen“
Stieler zur Erklärung
Auf die Frage, wie er nach so einer Entscheidung, die sehr intensiv diskutiert wurde, die Heimreise antreten bzw. später ins Bett gehen werde, sagte Stieler: „Was ich vor allem möchte, ist richtige Entscheidungen treffen. Wenn ich eine richtige Entscheidung getroffen habe, dann muss ich das in Kauf nehmen. Mir ist es auch bewusst, dass es in der 17. Minute war und dann immer das Argument kommt, ich hätte das Spiel zerstört und nur durch mich wurde dann verloren. Was soll ich dazu sagen? Am Ende des Tages muss ich für mich eine Entscheidung treffen und in diesem Bruchteil einer Sekunde war es für mich ein Foulspiel und Rot.“
Eine Verzögerung beim Pfiff war festzustellen
Angesprochen auf seine ungünstige Sichtweise sagte der 44-jährige Obershausener: „Sie werden einen kurzen Moment der Verzögerung beim Pfiff festgestellt haben. Ich bin es nochmal durchgegangen und habe dann gepfiffen.“
Für den Schiri war eine Überprüfung nicht nötig
Auf unsere Nachfrage, warum er sich die Szene nicht zur sicheren Überprüfung am Bildschirm angeschaut hat, entgegnete er: „Wenn ich rausgeschickt worden wäre, hätte ich auch nichts anderes gesehen, als ich auf dem Platz gesehen habe. Dass es jetzt nicht das ultimative Fünf-Meter-Halten gewesen ist, das habe ich auch schon auf dem Platz gesehen – Punkt. Für mich steht als Totschlag-Argument: Warum soll sich dieser Spieler fallen lassen? Dafür gibt es keine Erklärung.„
„So etwas wird auf dem Platz entschieden“
Stieler auf die Frage, warum er sich nicht die Szene am Monitor angeschaut habe
Zu den Kollegen im Kölner Keller habe es zwar Kontakt gegeben, die Entscheidung sei aber „auf gar keinen Fall eine Szene für den Videoassistenten gewesen“. Laut Stieler wird so etwas „auf dem Platz entschieden“. Deshalb war und ist es für ihn klar: „Die Entscheidung habe ich so getroffen und – ich denke – auch irgendwie nachvollziehbar.“

„Der Spieler wusste genau, was er getan hatte“
Stieler zum Verhalten von Akpoguma
Das Verhalten von Akpoguma bestätigte Stieler in seiner Entscheidung: „Zudem hat der Hoffenheimer Spieler die Entscheidung überhaupt nicht angezweifelt. Schauen sie sich doch mal die Reaktion und sein Verhalten unmittelbar nach dem Pfiff an. Ich pfeife jetzt schon länger Bundesliga und habe sicherlich schon richtig schlechte Elfmeter gepfiffen, dann sind die Beteiligten schon richtig ausgerastet. Der Hoffenheimer Spieler null, und auch im Gespräch ging es niemals um das Foul, sondern um die Rote Karte. Der Spieler wusste genau, was er getan hatte.“

„Herr Stieler konnte mir gegenüber seine Entscheidung nicht richtig erklären“
TSG-Geschäftsführer Schicker zum Dialog mit Stieler
Diese Auslegungssache sieht Hoffenheims Geschäftsführer Andreas Schicker deutlich anders. Nach dem Abpfiff ging er in die Schiedsrichterkabine, um sich mit dem Unparteiischen auszutauschen. Schicker: „Ich finde es schade, dass heute 75.000 Zuschauern im Stadion und viele zu Hause an den Bildschirmen ein Top-Spiel genommen wurde, in dem Schiedsrichter Stieler eine eigene Idee hatte. Ich wollte mich nochmal mit ihm über die Elfmeterentscheidung unterhalten, wo für mich der Spieler Diaz zuerst ein Offensivfoul begangen hat. Herr Stieler konnte mir gegenüber seine Entscheidung nicht richtig erklären. Am Ende habe ich dafür kein Verständnis. Ich habe heute ein Spiel gesehen, wo viele Beteiligte auf dem Platz auf beiden Seiten ein Top-Spiel gezeigt haben, aber wo ein Mann dabei überfordert war.“

„Das ist schon ein bisschen ärgerlich, wenn man das so sieht„
TSG-Keeper Baumann zur strittigen Situation
Hoffenheims Kapitän Oliver Baumann ärgerte sich auch über die Fehlentscheidung. Nach dem Spiel sagte er in kleiner Jounalistenrunde: „Ich habe mir die Szene noch mal angesehen: Also reißen tut er ihn nicht. Das ist schon ein bisschen ärgerlich, wenn man das so sieht. Der Gegner geht auch runter, das ist auch okay, aber dann schaut man sich das vielleicht noch mal an. Es ist natürlich bitter für uns.“
Die Fehlentscheidungen nehmen deutlich zu
Bitter hin oder her, es war an diesem Spieltag nicht die einzige diskussionswürdige fehlerhafte Schiri-Entscheidung die für Unmut sorgte. Die Fehlentscheidungen häufen sich Woche für Woche, trotz Video Assistant Referee (VAR). Festzustellen ist zudem, dass die Fehler zunehmend nicht nur auf dem Spielfeld sondern auch im sogenannten „Kölner Keller“ gemacht werden. Die Frust der Fans hierüber ist verständlich und nachvollziehbar.
Fotos: foto2press (Archivfotos)













