„Im Notfall spiele ich auch im Hoffenheimer Tor“

Hoffenheims Argentinier David Abraham über Spaßtraining, den Ausnahmespieler Lionel Messi und ein dramatisches Abstiegsfinale

Seit Januar 2013 ist der Italo-Argentinier David Abraham bei 1899 Hoffenheim unter Vertrag. Der 1,88 Meter große Innenverteidiger entwickelte sich, dank seines guten Stellungsspiels, Schnelligkeit und Zweikampfstärke zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Innenverteidigung. Aufgrund einer hartnäckige Adduktoren-Verletzung musste er zuletzt pausieren. Im Gespräch mit der BWA verrät der 27-Jährige einiges aus seinem Privatleben.

BWA: Sie gelten als ruhiger, freundlicher Typ, auf dem Spielfeld wirkt das ganz anders. Argentinier gelten von Natur aus im Sport als aggressiv und kämpferisch.

Abraham: Ja, das ist richtig. Argentinier, besonders Verteidiger, sind ehrgeizig, wollen immer gewinnen, gehen aggressiv in die Zweikämpfe. Das ist auch bei mir der Fall.

BWA: Wie sehr vermissen Sie Ihre Vorliebe für herzhafte argentinische Steaks?

Abraham: Das Fleisch an sich eigentlich weniger. Bei uns ist das besondere, dass alle beim Grillen zusammenkommen. Diese Momente in der Familie und mit Freunden vermisse ich eher.

BWA: Aufgrund Ihrer 1,88 Meter Größe kann man sich nur schwer vorstellen, dass Sie von Ihren drei Geschwistern früher als „enano“ – übersetzt „Zwerg“ – bezeichnet wurden.

Abraham: Ich war als Jüngster automatisch der Kleinste. Daher diese Bezeichnung „enano“. Es war eher Scherzhaft gemeint.

BWA: Wer ist Ihr sportliches Vorbild und was haben Sie sich von ihm abgeschaut?

Abraham: Mein Landsmann Gabriel Batistuta war mein Idol, obwohl er Stürmer war. Ich habe auch versucht von vielen Weltklasseverteidigern etwas abzuschauen und dann in mein Spiel einzubauen.

BWA: Ihre erste Station im Ausland war im spanischen Tarragona, von hier wechselten Sie in die Schweiz zum FC Basel. Abraham: In Basel war bislang die schönste Zeit meiner Karriere. Ich hatte das Glück dort Champions-League zu spielen und auf große Mannschaften wie Manchester United zu treffen.

BWA: In Basel haben Sie in vier Jahren und über 100 Pflichtspielen Ihre größten Erfolge gefeiert. Wurden drei Mal in Folge Meister und zwei Mal Pokalsieger.

Abraham: Ja, wir haben in den gemeinsamen vier Jahren einiges zusammen gewonnen. Ich erinnere mich gerne daran zurück.

BWA: Im spanischen Getafe unterschrieben Sie einen Vierjahresvertrag, wechselten aber schon nach einem halben Jahr nach Hoffenheim. Was waren die Gründe?

Abraham: Ich musste leider sehr schnell feststellen, dass es in Getafe wenig professionell zuging. In der Schweiz war dies wesentlich besser. Auch wenn es sich in Spanien sehr gut leben lässt, haben sich meine Vorstellungen nicht erfüllt. Der gesamte Verein war einfach nicht so organisiert, wie man das erwarten würde. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl und war dankbar, als das Hoffenheimer Angebot zu diesem Zeitpunkt kam.

BWA: Können Sie sich vorstellen, auch auf einer anderen Position zu spielen?

Abraham: Eigentlich bin ich mit meiner Position sehr zufrieden, aber ich habe in Argentinien öfters beim Abschlussspiel im Tor gestanden. Mehr so aus Spaß zwar, aber wenn in einem Spiel mal etwas passieren sollte und wir keinen Keeper mehr zur Verfügung hätten, könnte ich ja einspringen (lacht).

BWA: Schwer vorzustellen, dass Sie Trainer Markus Gisdol beim Abschlusstraining ins Tor stellen würde.

Abraham: Da haben Sie Recht. In Südamerika, speziell in Argentinien und Brasilien, geht es etwas lockerer zu. Da wird das letzte Training vor einem Pflichtspiel oft zum Spaßtraining. Der ganze Kader wird aufgeteilt in zwei Mannschaften, die über das ganze Spielfeld gegeneinander spielen. Jeder darf sich dabei eine Spielposition aussuchen, nur zwei Ballkontakte sind erlaubt. Da stand ich dann oft im Tor. In Deutschland ist dies alles viel ernster und daher nicht vorstellbar.

BWA: Gegen Schalke gelang Ihnen ein herrliches Freistosstor. Es blieb jedoch bei diesem Versuch. Bei Standards sind Sie eher im gegnerischen Strafraum als gefährlicher Kopfballspieler zu finden.

Abraham: Die meisten Freistoßpositionen waren eher auf der rechten Seite, besser für einen Linksfuß wie Salihovic. Ich komme eher für die halb linke Seite infrage. Vielleicht ergibt sich das mal wieder. Aber natürlich bin ich aufgrund meiner Kopfballstärke oft bei Standards mit vorne dabei. Einige Male war dies auch erfolgreich.

BWA: In Hoffenheim wird schon seit Jahren die Torhüterposition heftig diskutiert. Zuletzt wurde auch Koen Casteels aufgrund einiger Patzer in Frage gestellt.

Abraham: Für einen Torhüter ist es immer schwierig. Wenn da mal ein Fehler passiert, gibt es keine weitere Absicherung und es führt meist zu Gegentoren. Wenn unseren Stürmern in der Offensive Fehler unterlaufen, sind andere da, um dies zu korrigieren. Koen hat uns beim 0:4 gegen Schalke vor einer höheren Niederlage bewahrt. Mit Koen Casteels und Jens Grahl haben wir aber zwei gute Torhüter, die auch vom Kopf her so stark sind, um Fehler schnell weg zu stecken.

BWA: Mit der U20-Nationalmannschaft Argentiniens gewannen Sie 2005 gegen Nigeria, durch zwei Strafstösse von Lionel Messi, bei einem Gegentor des früheren Hoffenheimer Chinedu Obasi, die Weltmeisterschaft.

Abraham: Das ist lange her. Es war eine schöne Zeit mit einer tollen Mannschaft, in der Zusammenhalt und Bescheidenheit eine große Bedeutung hatten. Messi war das Ausnahmetalent. Man konnte schon damals erkennen, was für außergewöhnliche Fähigkeiten er besitzt. Was der mit dem Ball gemacht hat war oft der Wahnsinn.

BWA: Für Sie ein Traum, ein weiteres Mal mit Superstar Messi in einem Team zu spielen?

Abraham: (lacht) Ich glaube, das kann sich Hoffenheim finanziell nicht leisten. Es war großartig für mich, damals mit ihm zusammenzuspielen. Aber doch unwahrscheinlich, dass sich so eine Situation wieder ergibt.

BWA: Sie haben neben der argentinischen, auch die italienische Staatsbürgerschaft. Wie kommt das?

Abraham: Die Mutter von meinem Vater ist Italienerin. Daher die Doppelstaatsbürgerschaft.

BWA: Haben Sie noch Träume in Richtung Nationalmannschaft?

Abraham: Ich bleibe lieber zu Hause, als mich auf die anstrengenden Reisen mit der Nationalmannschaft zu begeben. Da mache ich lieber Urlaub. (lacht)

Nein im ernst: Das Thema Nationalmannschaft war immer ein Traum von mir. Voraussetzung ist mit Hoffenheim konstant und erfolgreich in der Bundesliga zu spielen, verletzungsfrei über einen längeren Zeitraum von 25-26 Spielen zu bleiben. Was dann kommt, wird sich zeigen. Ich bin aber realistisch, um selbst einzustufen, dass dies sehr schwierig sein wird.

BWA: Bevor Sie zur TSG wechselten, wären Sie beinahe beim Hamburger SV gelandet. Abraham: Der Kontakt kam über den damaligen HSV-Trainer Thorsten Fink, mit dem ich in Basel zusammen arbeitete,  zustande. Hamburg hatte sich zu dem Zeitpunkt nicht so intensiv um mich bemüht wie Hoffenheim. Das Hoffenheimer Angebot war insgesamt einfach besser.

BWA: Wo wird Ihrer Meinung nach 1899 am Saisonende landen?

Abraham: Wichtig ist, dass wir weiter so konstant spielen und den Abstand zu den Abstiegsregionen halten oder sogar vergrößern. Ich möchte auf keinen Fall mehr so ein dramatisches Abstiegsfinale wie in der vergangenen Saison erleben. Das war abschreckend genug. Ein zweites „Wunder von Dortmund“ muss es nicht mehr geben.

Fotos: BWA

Perfekte Schusshaltung bei Hoffes argentinischem Innenverteidiger und Hofft nach überstandener Adduktoren-Verletzung schnellstmöglich wieder ins Team zu kommen: David Abraham

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