Ozan Kabak blickt auf die härteste Zeit seines Lebens zurück

Der TSG-Profi hat eine außergewöhnliche Zeit hinter sich

Mehr als 500 Tage musste Ozan Kabak vom Spielfeldrand aus zusehen. Seine schwere Knieverletzung nahm ihm seinen wichtigsten Lebensinhalt länger, als er es je vermutet hätte. Komplikationen im Heilungsverlauf schürten tiefe Ängste um die eigene Karriere. Nun ist der 25-Jährige wieder zurück – mit einer außerordentlichen mentalen Weiterentwicklung, vielen neuen Erkenntnissen über sich und der Kraft, über die härteste Zeit seines Lebens im TSG-Magazin Spielfeld sprechen zu können. Es ist ihm nicht leichtgefallen, die vergangenen 16 Monate aufzuarbeiten, doch es war ihm auch ein Bedürfnis, sich nun zu öffnen.

Der steinige Weg hat Spuren hinterlassen. Denn wenn das Leben einen Plan für Ozan Kabak hat, war dieser in den vergangenen anderthalb Jahren geprägt von besonderen Herausforderungen. Kurz vor der Europameisterschaft 2024 in Deutschland schlägt das Schicksal gnadenlos zu. Im finalen Testspiel der Türkei gegen Italien geht der Innenverteidiger nach einem Zweikampf zu Boden, hält sich sofort das rechte Knie. „Ich habe nie in meinem Leben solche Schmerzen gehabt, aber noch mehr tat es weh, das Turnier zu verpassen“, sagt der 25-Jährige, den Kopf gesenkt, mit dem Blick ins Leere. Es sollte ein Startschuss werden für eine körperliche und mentale Zerreißprobe.

Kabaks Blick geht nach vorn

Während seine Landsleute ohne ihn beim Turnier in seiner deutschen Wahlheimat antraten und ins Viertelfinale einzogen, befasste sich der Innenverteidiger mit dem lädierten Gelenk. Nicht nur das Kreuzband war betroffen, auch der Meniskus war involviert. Acht Wochen war er auf Gehhilfen angewiesen, verlor in dieser Zeit zehn Kilogramm an Gewicht. Zunächst verlief die Reha zumindest linear, wenngleich er erst spät mit den ersten Gehversuchen beginnen konnte. „Als dann nach einigen Monaten wieder der Ball ins Spiel kam, hat das Knie reagiert“, berichtet Kabak. Nach jeder zweiten Einheit hatte er Probleme. Der Rückschlag setzte ihm auch mental zu. Er hatte zu viel Zeit und Kraft in seine Heilung investiert, um klaglos akzeptieren zu können, dass es nicht nur aufwärts geht. „Man stellt sich häufig die Frage, was man denn eigentlich falsch macht und warum es nicht vorwärts geht. Ich habe teilweise acht, neun Stunden am Tag diverse Therapien und Trainings gemacht und war so professionell, wie ich nur sein konnte.“ Irgendwann entschied Kabak gemeinsam mit seinen Ärzten, ein erneutes MRT durchzuführen. Aufgrund von Auffälligkeiten war eine weitere Operation unumgänglich.

„Es gab Momente, in denen ich dachte, meine Karriere wäre vorbei“

Ozan Kabak

Durch den zusätzlichen Eingriff wurde Kabak also in seinem Plan zurückgeworfen, gerade die Anfangsphase nach der erneuten OP verlief nicht ideal. Diese Zeit beschreibt der Türke als die schwierigste Phase seiner Verletzung, körperlich wie mental. „Es gab Momente, in denen ich dachte, meine Karriere wäre vorbei“, sagt der 25-Jährige, den die TSG-Fans zuvor auf dem Rasen stets als resoluten, ehrgeizigen und knallharten Verteidiger erlebt hatten. Doch nun saß in jenen Tagen ein verunsicherter, niedergeschlagener Ozan Kabak vor dem Fernseher und fragte sich, wie er jemals wieder einen Zweikampf führen solle.

Kabak klärt hier im Verbund mit TSG-Keeper Baumann

Insbesondere seine Familie hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass er diese Verletzung psychisch meistern konnte. Während seiner Reha pendelte er zwischen Heidelberg und Istanbul, lebte in seiner Heimatstadt wieder bei seinen Eltern. „Da konnte ich wieder der Sohn und der Bruder sein, das hat mir sehr geholfen.“ Auch seine Freunde, TSG-Mitspieler und ebenfalls von der Verletzung betroffene Sportler halfen ihm, den Kopf oben zu behalten. „Ich wurde wirklich von vielen Leuten angerufen und aufgemuntert, ob es TSG-Kollegen waren, Freunde aus meiner Kindheit oder andere Fußballer wie David Alaba, der mich unmittelbar nach meiner Verletzung anrief. Es gab mir immer ein gutes Gefühl zu wissen, dass mich Leute nicht vergessen“, erzählt Kabak. Vor allem aber half es ihm, für mehrere Wochen wieder bei seiner Familie zu sein – eine Möglichkeit, die er seit seinem Profi-Debüt bei Galatasaray im Alter von 18 Jahren nicht mehr hatte.

Ozan Kabak beim Autogramme schreiben beim TSG-Fan- und Familientag

Und so reifte auch die Erkenntnis, nicht nur die harte Arbeit und die schwere Verletzung zu sehen, sondern auch die Möglichkeiten, die damit einhergingen: Zeit mit seiner Familie und seinen Freunden, das Entdecken neuer Hobbies wie Mode oder Fotografie, das Deutschlernen, Yoga. Der 25-Jährige entdeckte unbekannte Seiten an sich, verborgene Talente und auch die Lust, Neues zu erleben. Wenn er darüber spricht, hebt sich sein Kopf, die Anspannung weicht von ihm. Nach vielen Minuten der inneren Verkrampfung nimmt der 26-malige türkische Nationalspieler wieder eine bequemere Haltung ein.

Denn er hat nicht nur über sich und seinen Körper eine Menge erfahren, sondern gesteht auch, im Prozess Fehler gemacht zu haben. Wieder arbeitet es in ihm, wieder schweift der Blick ab. „An schlechten Tagen habe ich, wenn ich gefragt wurde, wie es mir geht, zu häufig gelächelt und gesagt, mir geht es gut, nur damit es dem Fragenden besser ging. Es gab viele Momente, in denen ich meinen Gegenüber nicht verunsichern wollte. Es ist aber so wichtig, dass man sich dann öffnet.“

Kabak (re.) trifft per Kopf zum 4:0 gegen seinen ehemaligen Verein
Kabak erzielt einen Treffer per Kopfball

Heute geht er seinen Beruf mit einer neuen Haltung an. „Ich sehe, was der Fußball mir gibt. Es ist ein Privileg, Profi zu sein.“ Nun wolle er mit einem Lächeln arbeiten, jeden Moment genießen. Und während er das sagt, breitet sich genau dieses Lächeln auf seinem Gesicht aus – ehrlich, nicht aufgesetzt. Er spricht von seinem inneren Kind, das er wiedergefunden hat, das sich über jeden Schuss, jeden Zweikampf, jeden Sprint freut. Dinge, die vor kurzer Zeit für Ozan Kabak noch unvorstellbar schienen.

Und so kam es 502 Tage nach dem verhängnisvollen Zusammenprall in Bologna zum langersehnten Comeback. Kurz vor Spielende leuchtet im Millerntor-Stadion auf St. Pauli die grüne 5 auf der Wechseltafel, Ozan Kabak steht wieder auf dem Bundesliga-Rasen. „Ich glaube, dass alle gemerkt haben, wie viel ich investiert habe, um diesen Moment zu erleben“, sagt der Defensivmann, der wenige Wochen später einen weiteren Höhepunkt erlebt. Beim 4:1 gegen den Hamburger SV am 13. Dezember steht der Türke nicht nur erstmals seit dem 34. Spieltag der Saison 2023/24 wieder in der Startformation, er krönt sein Comeback in der ersten Elf sogleich mit einem Treffer. Das 2:0, das er laut Cheftrainer Christian Ilzer „in absoluter Stürmermanier“ erzielte, emotionalisierte den Verteidiger genauso wie seine Teamkollegen, denen die Freude ebenfalls ins Gesicht geschrieben stand. Den Staub, der sich während seiner langen Fehlzeit angesammelt hatte, wischte er nach dem Tor symbolisch von seinem Trikot. „Dieses Comeback ist genauso bedeutend für mich wie mein erstes Profispiel“, sagt Ozan Kabak, diesmal spricht er auf Deutsch. „Der zweite Abschnitt meiner Karriere hat damit begonnen.“

PM: TSG Hoffenheim
Fotos: Kraichgaufoto

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