Persönliche Videoanalysen mit den Trainern gehören zu jedem Spiel

Interview mit 1899-Neuzugang Kerem Demirbay

Kerem Demirbay wechselte zur neuen Bundesliga-Saison 2016/17 für 1,7 Millionen Euro Ablöse vom Hamburger SV zur TSG Hoffenheim. Nachdem dem 23-jährigen Fußballprofi in der Hansestadt nicht der erhoffte sportliche Durchbruch gelang, sammelte er auf leihbasis in der 2. Liga in Kaiserslautern und Düsseldorf Spielpraxis. Nach einer kurzen Anlaufphase ohne Spieleinsätze, stand er zuletzt drei Mal in der Kraichgauer Startformation und schoss am vergangenen Spieltag, beim 2:1 Sieg in Ingolstadt, seinen ersten Bundesligatreffer. In der momentanen Form ist der flinke, lauffreudige Feintechniker im Team von Trainer Julian Nagelsmann nicht wegzudenken. Im Interview mit bwa-sport.de spricht der im westfälischen Herten geborene Mittelfeldspieler über seine Karriere.

Ihre sportlichen Wurzeln liegen, nach den Jugendstationen beim FC Schalke 04, der SG Wattenscheid und Borussia Dortmund, im Ruhrgebiet.
Kerem Demirbay:
Bei Schalke und Dortmund war es außergewöhnlich emotional, persönlich für meine Entwicklung war die Zeit in Wattenscheid prägend. In der U16 habe ich mich hängen lassen; das war keine einfache Zeit für mich. Ich habe dann kurzeitig nur noch Landesliga gespielt – meist auf Aschenplätzen. Ich war aber nur Rasen und Kunstrasen gewohnt. Ich habe mich aber aus dem Loch herausgekämpft und in Wattenscheid viel gelernt. In der U19 haben wir dann wieder Bundesliga gespielt.

Verletzungspech in Hamburg

Über die 2. Mannschaft des BVB kamen Sie zum Hamburger SV, wo Sie fast neun Monate mit Verletzungen zu kämpfen hatten.
Demirbay:
Für mich war es einfach toll, endlich Bundesliga zu spielen. Ich hatte große Ziele, wollte Gas geben. Doch wie so oft im Leben, kam alles anders. Zwei Muskelfaserrisse im Hüftbereich, ein Bänderriss im Sprunggelenk und ein Bündelriss warfen mich gleich in der Anfangsphase zurück.

Nachdem Sie beim HSV unter den Trainern Mirko Slomka und Bruno Labbadia keine Einsatzzeiten bekamen, wechselten sie auf Leihbasis zum 1. FC Kaiserslautern und später zu Fortuna Düsseldorf.
Demirbay:
Ich habe in den zwei Jahren in der 2. Liga, bei zwei super Vereinen, vieles mitgenommen, was mich in meiner Art Fußball zu spielen geprägt hat.

Eine Dummheit, die sich nicht wiederholen wird

Bei einem Spiel beim FSV Frankfurt schickte Sie Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus mit Gelb-Rot vom Platz. Ihre spontane Aussage („Ich finde, Frauen haben im Männerfußball nichts zu suchen“) wurde als frauenfeindlich und skandalös bezeichnet.
Demirbay:
Das war damals eine Dummheit von mir, die so nie wieder vorkommen wird. Ich habe das in der Emotion des Augenblicks gesagt. Mir ist bewusst, dass das ein Fehler war.

Als „Strafe“ mussten Sie ein Mädchen-Fußballspiel der D-Jugend als Schiri leiten.
Demirbay:
Es war keine Strafe sondern ein Wunsch von mir. Für mich und die Mädchen war es eine tolle Geschichte, die allen Spaß machte und gut ankam.

Wie stehen Sie im Allgemeinen zum Frauen-Fußball? Haben Sie schon ein Erst- oder Zweitligaspiel der TSG-Girls gesehen?
Demirbay:
Nein, leider noch nicht. Wenn es die Zeit erlaubt, könnte ich mir das gut vorstellen.

In Hoffenheim den großen Durchbruch schaffen

Sie wechselten nach Hoffenheim, um in der 1. Liga endlich Fuß zu fassen. Zuletzt standen Sie in der Startformation.
Demirbay:
Es ist immer etwas Besonders in der 1. Liga zu spielen, jeder Einzelne arbeitet jahrelang darauf hin. Trainer Julian Nagelsmann hat mir von seinen Vorstellungen ein sehr gutes Gefühl gegeben, was mir die Wechselentscheidung leicht machte. Nachdem ich etwas Anlaufzeit benötigte, freut es mich natürlich ganz besonders, zuletzt in der Startformation gestanden zu haben. Wichtig ist, dass Trainer und Mannschaft mir großes Vertrauen schenken. Ich bin froh hier zu sein und kann behaupten, bei der TSG und auch privat hier angekommen zu sein.

„Schaue mir meine Leistungen noch mal auf Video an“

Nach Spielen schauen Sie sich Ihre Leistungen nochmals auf Video an.
Demirbay:
Es ist ein Wunsch von mir, zusammen mit den Trainern in maximal acht bis zehnminütigen Videoausschnitten, meine negativen und positiven Aktionen im Spiel gemeinsam anzuschauen und zu besprechen. Ich persönlich schaue mir das gesamte Spiel noch mal an, da ich der Auffassung bin, dass man es am besten analysieren kann, wenn man die gesamte Spiellänge sieht.

Wie erleichtert sind Sie, dass nach vier Unentschieden nun zwei Siege in Folge eingefahren wurden?
Demirbay:
Der erste Saisonsieg gegen Schalke 04 war definitiv für die Köpfe sehr wichtig. Die Leistung in Ingolstadt und der damit verbundene erste Auswärtserfolg unterstreichen unsere guten Leistungen. Wir sind ungeschlagen und haben bislang eine ordentliche Saison gespielt. Doch es ist noch ein langer Entwicklungsprozess über die gesamte Saison gesehen. Wir werden alles daran setzen, damit wir weiter Erfolge haben.

Persönliche Art des Trainers kommt bei den Spielern sehr gut an

Wie würden Sie Ihren neuen Trainer Julian Nagelsmann beschreiben?
Demirbay:
Bin froh, unter ihm trainieren zu können. Mit seiner ganz persönlichen Art versteht er uns junge Spieler sehr gut. Das Alter spielt da überhaupt keine Rolle, wichtig ist, dass es passt.

Wie sieht Ihre persönliche Karriereplanung aus?
Demirbay:
Ich setze mich nicht unter Druck. Wichtig ist verletzungsfrei über die Runde zu kommen und möglichst viele Einsätze zu haben. Wir sind breit aufgestellt und haben sehr viel Qualität im Kader, was zur Folge hat, dass der Konkurrenzkampf sehr groß ist. Letztendlich steht der Erfolg der Mannschaft über allem.

Situation in der Türkei ist schwierig

Sie haben deutsch-türkische Wurzeln. Beschäftigen Sie sich auch mit der Politik, speziell in der Türkei?
Demirbay:
Natürlich bekomme ich durch Nachrichten, aber auch Verwandte und Freunde dort mit, was in der Türkei gerade politisch geschieht. Die Situation ist schwierig, weil es sehr schwierig ist einen Kompromiss zu finden.

Welchen Hobbys gehen Sie in Ihrer Freizeit nach?
Demirbay:
Ich liebe Abenteuer und Ruhe zugleich. Zudem spiele ich, auch wenn ich überhaupt keine Ahnung von den Regeln habe, leidenschaftlich gerne Basketball – habe einen richtig guten Wurf. Hin und wieder fahre ich Go-Kart und spiele gerne Bowling – eben alles was mit Sport zu tun hat. Auch mit der Familie zum Essen zu gehen ist mir sehr wichtig.

Foto: BWA

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