Prömel: „Jeder weiß, dass wir als Verein etwas gutzumachen haben“

Interview mit TSG-Profi Grischa Prömel

Hoffenheims Mittelfeldspieler Grischa Prömel hat ein herausragendes Halbjahr gespielt. Nachdem er die vergangene Saison verletzungsbedingt nahezu komplett verpasst hatte, glänzt er in dieser Saison als laufstarker Leader und beeindruckt als Torschütze. Im Interview mit dem TSG-Magazin SPIELFELD spricht der 30-Jährige über die Gründe des mannschaftlichen Erfolgs, Hoffnungen auf die WM-Teilnahme, offene Ziele in seiner Laufbahn und erklärt die „perfekte Kaderzusammenstellung“ der TSG.

Grischa, in der Vorbereitung habt Ihr hier im Hotel Königstuhl hoch oben über Heidelberg ein Teamevent abgehalten und über die neue Saison gesprochen. Rund ein halbes Jahr später ist aus dem Fast-Absteiger ein Kandidat für den Europapokal geworden. Wie habt Ihr das geschafft?
Prömel: „Das hat natürlich viele Gründe. Aber damals ging es auch um die Fragen: Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Wie wollen wir gesehen werden? Und da wurde stets betont, dass wir intensiv spielen wollen. Und natürlich fällt das Laufen leichter, wenn man es für jemanden macht, mit dem man sich versteht, der auch für einen selbst Wege geht und einem das Gefühl gibt: Neben mir ist einer, der gibt alles für den Erfolg, für die Mannschaft, für dich. Das ist ein wichtiger Punkt, der die Mannschaft auszeichnet. Wir sind füreinander da. Es ist immer so salopp gesagt, aber jeder geht für den anderen durchs Feuer. Wir sind in fast jedem Spiel mehr gelaufen als der Gegner. Das spricht dafür, wie sehr wir den Sieg wollen und wie viel wir für den Erfolg investieren.“

Grischa Prömel mit enger Ballführung

Welche Rolle hat der personelle Umbruch dabei gespielt?
„Ich glaube, dass es wichtig war, nach so einer Saison etwas zu verändern. Das hat der Verein getan, es sind super Jungs dazugekommen und wir haben einen guten Mix aus jungen, spannenden Spielern und Typen mit viel Erfahrung. Die vielen neuen Gesichter, die positive Energie und die Bereitschaft jedes Einzelnen, alles zu geben, wenn er das TSG-Logo auf der Brust trägt, sind wichtige Erfolgsfaktoren. Es gibt niemanden, der sich hängen lässt oder querschießt. Jeder weiß, dass wir als Verein etwas gutzumachen haben und jeder hier will erfolgreich sein. Wir sind eine extrem hungrige Mannschaft. Das spürt man in jeder Einheit.“

„Der Verein HAT in dieser Saison sehr viel richtig gemacht“

Prömel zur positiven Entwicklung der TSG

Sind das nicht dennoch Dinge, die man aus jeder Mannschaft vor jeder Saison hört? Was hat vor dieser Spielzeit den Unterschied ausgemacht?
„Manchmal ist es dann eben die Kaderplanung, die den Unterschied ausmacht, ob nur Bekenntnisse oder auch Taten folgen. Welche Charaktere treffen aufeinander? Gibt es eine klare Achse, eine Hierarchie? Oder sind es nur super Fußballer, die aber dann vielleicht eher für sich selbst spielen? Da hat der Verein in dieser Saison sehr viel richtig gemacht. Daraus hat sich eine neue Energie entwickelt. Alle ziehen mit und jeder weiß, dass er seine Chance bekommt, wenn er sich reinhängt. Auch, weil wir auf den einzelnen Positionen kein Überangebot an Spielern haben. Jeder kann in die Startelf rutschen. Hinzu kommt, dass wir erfolgreich sind und die Mannschaft sieht, dass der Plan des Trainers aufgeht. Nichts kann Siege ersetzen, so ist der Fußball nun mal.“

Grischa Prömel (li.) und Tim Lemperle beim gemeinsamen Torjubel

Es gibt dennoch viele harte Personalentscheidungen…
„Jeder bei uns muss in jeder Einheit alles aus sich rauskitzeln, um zu spielen. Weil alle wissen, dass wir sehr gute Spieler im Kader haben und jede Position mindestens doppelt besetzt ist. Man kann sich nicht mal eine Einheit rausnehmen und ein bisschen Larifari machen. In diesem Konkurrenzkampf darf sich niemand sicher sein. Das Trainingsniveau ist extrem hoch. Dadurch entwickelt man sich – nicht nur über die Spiele. Wenn du in jeder Einheit einen Top-Gegenspieler und einen Konkurrenten hast, der dich immer ans Limit bringt, machst du die wichtigen Schritte. Am Wochenende fährt man dann den Lohn ein. Mir macht es unglaublich viel Spaß in der Truppe. Spielidee und Charaktere in der Mannschaft sind top und die Qualität im Team ist beachtlich. Auch darum setzen wir uns in dieser Saison sehr hohe Ziele, streben nach dem Maximum und holen alles aus uns heraus. Hier entsteht etwas.“

wir spielen den Fußball, den der Trainer sehen will und der gut zu uns passt

Prömel über seinen Trainer Ilzer

Trainer Christian Ilzer stand in der Rückrunde der vergangenen Saison medial in der Kritik. Wie hat er den Turnaround geschafft?
„Er hat es hinbekommen, dass alle an den eingeschlagenen Weg glauben und ihn mitgehen. Das ist ein sehr wichtiger Baustein des aktuellen Erfolgs.“ Wie erreicht man das? „Ich denke vor allem durch emotionale Intelligenz und Überzeugung. Wir haben unser System und folgen seinen Vorgaben, wir spielen den Fußball, den der Trainer sehen will und der gut zu uns passt. Jeder Spieler kann seine Stärken ausspielen und wird auf der für ihn besten Position eingesetzt. Dennoch gibt er uns auf dem Rasen gewisse Freiheiten. Der bisherige Saisonverlauf gibt ihm recht.“

Grischa Prömel treibt den Ball durchs Hoffenheimer Mittelfeld

Wie erlebst Du Andrej Kramarić in diesem Gebilde?
„Andrej ist ein absoluter Vollprofi und man sieht in jeder Einheit, dass er das hier nicht nur zum Spaß macht. Er tut alles für den Fußball, macht nach vielen Einheiten noch Läufe oder trainiert seinen Abschluss. Von einem Spieler wie ihm können alle unsere jungen Stürmer unglaublich viel lernen. Selbst ich nehme da viel mit, da Andrej den Fußball einfach versteht und sehr intelligent spielt. Andrej ist ein Spieler, der seine Mitspieler besser macht. Das mag ich, deswegen bin ich happy, dass er bei uns ist.“

„Vlad ist körperlich in einen Jungbrunnen gefallen“

Prömel über seinen Mitspieler Coufal

Und welche Rolle spielt ein Zugang wie Vladimír Coufal für das Kollektiv?
(lacht) „Vlad ist körperlich in einen Jungbrunnen gefallen. Sein Körper schaut aus wie aus Stein gemeißelt. So einen Spieler braucht jede Mannschaft. Er ist ebenfalls ein absoluter Vollprofi. Er legt viele Extra-Schichten im Kraftraum ein und ist auf jeder Ebene ein Vorzeigeprofi. Ich frage mich schon seit langem, wie viele Vereine es wohl gibt, die sich ärgern, einen ablösefreien Vladimír Coufal nicht verpflichtet zu haben. Ein absoluter Top-Transfer, der zudem ein wirklich cooler Typ ist. Er ist abgezockt, verliert keine Bälle, spielt sehr sauber. Zudem drückt er seinen Gegenspielern auch immer mal einen Spruch. Er bringt alles mit und lebt zudem natürlich auf dem Platz alles davon vor, was wir darstellen wollen.“

Grischa Prömel mit vollem Einsatz in einer Trainingseinheit

Lebt die Achse der Ü30-Profis der Mannschaft vor, dass alle marschieren müssen?
„So eine Achse ist für eine Mannschaft sehr wichtig. Es braucht ältere Spieler, die noch hungrig sind und vorleben, was es heißt, Profi zu sein. Niemand von uns gibt sich mit den Erfolgen zufrieden. Kein Oli Baumann mit 500 Bundesliga-Spielen, kein Andrej Kramarić als Vize-Weltmeister. Sie nehmen es eher als Anreiz, es nochmal allen zu zeigen. Diese Einstellung schwappt auf die Mannschaft über, die Jüngeren erkennen: ‚Man kommt nicht nur durch Talent nach oben, sondern man muss fleißig sein.‘ Das hat mich dahingebracht, wo ich jetzt bin. Am Ende entscheidet die Einstellung zum Job, was für eine Karriere man macht.“

Du hast aufgrund Deines Kreuzbandrisses die vergangene Saison fast komplett verpasst. Hättest Du es für möglich gehalten, so formstark und vor allem torgefährlich zurückzukommen?
„Ja, schon. (lacht) Ich habe hart dafür gearbeitet, um wieder auf dieses Level zu kommen. Dass ich Tore schießen kann, wenn ich in die entsprechende Position komme, gehört zu meinen Stärken als Boxto- box-Spieler. Es haben mich auch schon ein paar Jungs angesprochen, ob das meine Rekordsaison wird. Aber die musste ich daran erinnern, dass ich bei Union Berlin mal acht Tore in einer Saison erzielt habe.“

„Ich bin ein Typ, der gern unterwegs ist, gern neue Dinge sieht „

Grischa Prömel

Welche Erfolge verbuchst Du in Deiner Karriere und was soll noch dazukommen?
„International neben der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2016 und der Nominierung für die Nationalmannschaft vor allem das Jahr in der Conference League mit Union. Spiele wie bei Feyenoord waren richtig geil, aber auch die Partie in Haifa war grandios. Ich bin ein Typ, der gern unterwegs ist, gern neue Dinge sieht – und auch einfach Fußball-Fan. Da sind solche Reisen überragend. Unterschiedliche Kulturen und Vereine kennenzulernen mag ich sehr, darum möchte ich unbedingt noch einmal international spielen. Es war damals sehr bitter, dass ich die Europa League mit der TSG durch eine Verletzung verpasst habe. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, es waren geile Gegner mit Lyon, Porto und Tottenham. Da hat man als Kind von geträumt. Dann ausgerechnet in dem Jahr auszufallen, das tat weh. Das sind Erlebnisse, die man mitnimmt für die Zeit nach der Karriere. Von diesen Spielen erzählt man seinen Kindern. Da darf gern noch etwas dazukommen.“

Gemeinsamer Torjubel der TSG-Profis

Lebt auch der Traum von der Champions League noch?
„Ich glaube daran, dass ich das noch erreichen kann. Dieses Ziel möchte ich nicht aufgeben, weil ich es so lange im Kopf habe. Die Hymne auf dem Platz hören, das vibrierende Logo am Mittelkreis – das lässt die Herzen höherschlagen. Ich möchte in dieser Saison noch nicht das Ziel Königsklasse ausrufen. Da sollten wir alles dafür tun, bodenständig und demütig zu bleiben. Aber Hoffnung gibt es immer.“

„Ich habe keine Sekunde an die WM gedacht“

Prömel über eine mögliche WM-Teilnahme

Das größte internationale Ereignis ist die Fußball- WM. Nach Deinen starken Leistungen in dieser Saison hast Du Dich in den Kreis der Kandidaten zurückgespielt. Auf kicker.de gehörst Du zu den Spielern, aus denen Fans ihr persönliches Wunsch-Aufgebot zusammenstellen können. Hättest Du das vor der Saison für möglich gehalten?
„Auf gar keinen Fall, ich habe keine Sekunde an die WM gedacht. Es war sportlich und zeitlich viel zu weit weg. Mir war es nur wichtig, auf 100 Prozent zu kommen. Aber wenn Julian Nagelsmann im Frühjahr eine verrückte Idee hat, ist doch klar, dass ich derjenige bin, der sich da am meisten drüber freut. Ich hatte auch schon überlegt, als Fan hinzufliegen und einfach in die WM-Stimmung einzutauchen. Generell ist es für mich eine unglaubliche Auszeichnung, nach dem vielleicht schwierigsten Jahr meiner Laufbahn überhaupt wieder als Nationalspieler oder WM-Teilnehmer in Betracht gezogen zu werden. Das war keine leichte Zeit, man ist in der Reha viel allein, auch mit seinen Gedanken, und hofft einfach nur, möglichst stark zurückzukommen. Nun so wertgeschätzt zu werden, macht mich unglaublich stolz.“

Prömel ist ein Führer und Lenker im zentralen Mittelfeld

Kam da der meist gutgelaunte Surferboy auch mal an seine mentalen Grenzen?
„Definitiv. Vor allem die Tage nach der Verletzung waren sehr düster, auch die Tage nach der OP, wenn man realisiert, man kann machen was man will, man ist trotzdem neun Monate raus. Das ist in einer Karriere eine lange Strecke. Und dann kommen die Gedanken: Bin ich bis dahin vergessen? Werde ich ersetzt? Wie komme ich zurück? Aber man muss nach vorn schauen, die Gedanken wegschieben, und da hilft einem dann ein gutes Umfeld, das einen ablenkt und auffängt. Das habe ich und dafür bin ich sehr dankbar.“

„Julian Nagelsmann hat meine Karriere stark beeinflusst“

Prömel über Nationaltrainer Nagelsmann

Julian Nagelsmann hat am Anfang seiner Trainerlaufbahn einmal gesagt, Grischa Prömel sei sein Lieblingsspieler. Wie ist der Kontakt zum Bundestrainer?
„Er hat mich damals nach Hoffenheim geholt, damit hat er meine Karriere stark beeinflusst und ich habe ihm viel zu verdanken. Er hat sich natürlich nach meiner Verletzung gemeldet, aber wir sind aktuell nicht regelmäßig in Kontakt. Eher mit Benjamin Hübner, der sich ab und zu meldet und sich freut, dass ich so stark zurückgekommen bin. Das ist natürlich schön zu hören von einem ehemaligen Mitspieler und dem Co-Trainer der Nationalmannschaft.“

Prömel beim Autogramme schreiben nach dem Training

Du warst schon einmal im Kader der Nationalmannschaft, bist aber im November 2023 gegen Österreich und die Türkei nicht eingesetzt worden. Hattest Du damals mit einem Einsatz gerechnet?
„Es wäre schön gewesen und ich habe mir durchaus Chancen ausgerechnet. Es gab Diskussionen, dass Typen wie Robert Andrich und ich der Nationalmannschaft fehlen. Darum dachte ich, ich erhalte die Chance, mich zu zeigen. Leider sind die Spiele dann nicht gut gelaufen und es hat mit dem Debüt nicht geklappt.“

„Ich kann mir sehr gut vorstellen, in Hoffenheim zu bleiben“

Prömel über seine sportliche Zukunft

Blicken wir nach vorn. Dein Vertrag endet im Sommer. Wie laufen die Gespräche mit der TSG?
„Wir haben zu Saisonbeginn abgesprochen, dass wir die Entwicklungen abwarten – also meine persönliche und die der TSG. Wir sind nun im Austausch. Ich kann mir natürlich sehr gut vorstellen, in Hoffenheim zu bleiben. Ich habe dem Klub sehr viel zu verdanken und bin ihm emotional verbunden. Das ist schon eine sehr gewachsene Beziehung. Es ist der wichtigste Vertrag, den ich in meiner verbleibenden Karriere noch unterschreiben werde. Ich werde alle Optionen sorgfältig abwägen, auch mit meiner Familie und meiner Freundin. Aber diese Saison macht es extrem viel Spaß und momentan bin ich hier sehr glücklich.“

PM: TSG Hoffenheim
Fotos: foto2press

Artikel teilen

WERBUNG