Missglückter Saisonstart mit vier Niederlagen aus fünf Pflichtspielen
Nach dem Stolperstart in die Europa League mit einer 0:2-Auftaktniederlage beim krassen Außenseiter OFI Kreta aus Griechenland folgte drei Tage später mit einem 1:3 am 4. Bundesliga-Spieltag beim Aufsteiger SC Paderborn die nächste bittere Enttäuschung für die TSG Hoffenheim. In beiden Spielen hatten die Kraichgauer zwar die spielerische Hoheit mit mehr Ballbesitz und einem deutlichen Chancenplus, aber am Ende reichte es aufgrund individueller Fehler, haarsträubender Nachlässigkeiten im Defensivbereich und fehlender Durchschlagskraft in der Offensive nicht, um etwas zählbares mitzunehmen. Zwei Reisen, zwei Pleiten! So hatte man sich den Saisonstart nach der starken vergangenen Runde und der vielversprechenden Saisonvorbereitung nicht vorgestellt.

„Wir haben uns den Start in die Saison natürlich schon anders vorgestellt“
TSG-Sportchef Schicker
Hoffenheims Geschäftsführer Sport Andreas Schicker zeigte sich nach der Niederlage in Paderborn sehr enttäuscht: „Wir haben einiges vermissen lassen, speziell in der ersten Hälfte. Wir gehen nicht so in die Duelle, wie es sich gehört. Da wird es verdammt schwer, ein Bundesligaspiel zu gewinnen. Es hilft nichts, dominant zu spielen, wenn du die Tore hinten zu einfach kriegst und vorne die letzte Konsequenz fehlt. Wir haben uns den Start in die Saison natürlich schon anders vorgestellt.“

„Wir legen zu wenig Gewicht aufs Verteidigen“
Hoffenheims Kapitän Baumann
Für TSG-Keeper Baumann ist vor allem das Defensivdenken das große Problem: „Paderborn hat zwar wenig Druck gemacht, aber wir legen zu wenig Gewicht aufs Verteidigen. Das ist für mich das Besorgniserregende.“ Der Kapitän ist bekannt für seine deutliche, offene und ehrliche Meinung: „Jetzt während der Länderspielpause, wo die meisten in alle Richtungen unterwegs sind, können wir das nicht besprechen, aber danach gilt es dies knallhart im Training anzugehen.“
Die Leichtigkeit ist verloren gegangen
Für Baumann, dessen Tür im Nationalteam trotz der Nichtberücksichtigung von Neu-Bundestrainer Klopp nicht ganz zu ist, ist die aktuelle Situation auch eine Kopfsache: „Wir müssen dahin kommen, dass wir nicht denken, dass eine gute Saison reicht. Wir müssen diese jetzt bestätigen, und das ist das Ziel.“ Der 36-Jährige Rekordspieler spricht es offen aus, dass sein Team jetzt endlich liefern muss, um erfolgreich zu sein. Das bei den Nordbadenern die Leichtigkeit durch die zwei überraschenden Niederlagen verloren gegangen ist, ist unübersehbar.

Zu viele Gegentreffer
Drei Punkte aus nach vier Spieltagen sowie zehn Gegentreffer sprechen für sich. Der Zeitpunkt der langen Länderspielpause kommt daher denkbar ungünstig und die Enttäuschung über das bisher Erreichte haftet noch länger in den Köpfen der Spieler. Die nach der Länderspielpause bevorstehenden intensiven vielen englischen Wochen mit neun Pflichtspielen in 29 Tagen haben es in sich und machen die aktuelle Situation sicherlich nicht einfacher.

Fehlendes Selbstvertrauen
Der erhoffte Aufschwung durch den ersten Pflichtspielsieg gegen den VfB Stuttgart ist durch die beiden Niederlagen im Keim erstickt worden. Das Selbstvertrauen hat nach der vierten Niederlage im fünften Pflichtspiel vor der Länderspielpause einen großen Knacks bekommen. Man kann der Ilzer-Truppe nicht unterstellen, dass sie nach dem Kick auf der griechischen Ferieninsel gedanklich schon im Urlaub war, doch es war auffallend, wie teils unentschlossen sie sich den Paderbornern, die bis dahin noch keinen Saisontreffer erzielt hatten, zur Wehr setzte.
Effiziente Ostwestfalen
Die Ostwestfalen präsentierte sich äußerst effizient und haben mit spielerischen Glanzpunkten, Ruhe und Qualität im letzten Drittel ihr erstes Saisonerlebnis eingefahren. Die Mannschaft von Trainer Kettemann stand sicher in der Defensive, hatte zum richtigen Zeitpunkt die gegnerischen Fehler eiskalt bestraft und zugeschlagen. Gleich drei Treffer in einer Partie, wann gab es das zuletzt für den SCP? Den letzten Bundesliga-Heimsieg feierte man im Jahr 2020 gegen den SC Freiburg.

„Es fehlt ein Stück weit das letzte Quäntchen Intensität“
TSG-Profi Conté
Auch der überraschend in den erweiterten Nationalmannschaftskader nominierten 23-jährigen Conté fand klare Worte: „Natürlich fehlt gerade die Leichtigkeit, am Ende fehlt aber auch ein Stück weit das letzte Quäntchen Intensität, die letzte Konsequenz sowohl vorne als auch hinten, die Bereitschaft, die Duelle zu führen. Wir müssen von der Mentalität wieder ekliger, dreckiger und schärfer werden, mit neuer Energie nach der Pause starten.“
Ideenlosigkeit trotz hohem Ballbesitz
Die TSG tat sich in allen Belangen schwer. Die gefürchteten Flanken von der rechten Seite durch Coufal fanden keine Abnehmer und auf der anderen Seite rieb sich Daghim immer wieder am zweikampfstarken SC-Kapitän Curda fest. In der Mitte blitzte die individuelle Klasse von Hlozek und Moerstedt nur selten auf und so verpuffte der viele Ballbesitz aufgrund der unübersehbaren Ideenlosigkeit.

Coufal scheitert am Aluminium
Hinzu kam auch noch das Pech: In der 23. Minuten klatschte ein abgefälschter Distanzschuss von Coufal an den linken Pfosten. Bedingt durch ein frühes Pressing erarbeitete sich die Gastgeber auch aufgrund von defensiven Nachlässigkeiten der Gäste einige Toraktionen.
Castaneda trifft zur Führung – Marino legt nach
Eine davon brachte nach knapp einer halben Stunde die Führung: Castaneda nutzte ein unentschlossenes Abwehrverhalten des Gegners, als er mit einem Schuss aus der Drehung, der von Avdullahu noch abgefälscht wurde, zum 1:0 traf (29.). Nachdem Hlozek einen Kopfball übers Tor setzte, legten die Gastgeber nach: Nach einer scharfen Hereingabe des früheren Hoffenheimers Curda setzte sich Marino gegen Coufal durch und traf per Direktabnahme zum überraschenden 2:0 (42.). Das kleine, schmucke Stadion kochte.

Daghim verkürzt auf 1:2
Im zweiten Abschnitt wirkten die Gäste zielstrebiger und bissiger. Nachdem Conté bei einem 18-Meter Distanzschuss noch in Torhüter Nolle seinen Meister fand (49.), machte es eine Minute später Daghim besser, als er auf Vorlage von Moerstedt frei vor dem Tor flach auf 1:2 verkürzte (50.). Die TSG drückte jetzt, wollte mit aller Macht den Ausgleich und hatte durch Conté (65.) und Wimmer (66.) weitere gute Möglichkeiten.
Tigges trifft inmitten der Hoffenheimer Drangphase
Doch inmitten dieser Drangphase besorgte der zur Pause eingewechselte Tigges nach einer Sticker-Flanke mit einem präzisen Kopfball ins lange Eck die erneute Zwei-Tore-Führung (69.). Gegenspieler Hajdari sah dabei nicht sonderlich gut aus. Die Gäste rannten danach weiter an, konnten jedoch, bis auch zwei Chancen durch Asllani (81.) und Conté (83.), der an der Querlatte scheiterte, die Niederlage nicht mehr abwenden.
Stimmen der Trainer:

„Wir machen es uns selbst kaputt mit den Gegentoren“
TSG-Coach Ilzer
Chris Ilzer (Hoffenheim): „Es war am Ende ein verdienter Sieg. Bei Paderborn war die Leidenschaft drin. Wir hatten oft den Ball, aber ohne damit gefährlich zu werden. Nach dem Anschluss braucht es mehr Gradlinigkeit im Ballbesitz. Am Ende bekommen wir die Tore zu einfach. Es war an sich ein ordentliches Spiel, aber wir machen es uns selbst kaputt mit den Gegentoren.“
„Wenn wir das dritte Tor nicht gemacht hätten, wäre es happig geworden“
Paderborns Trainer Kettemann
Ralf Kettemann (Paderborn): „Wir haben gegen einen sehr guten Gegner gespielt. Es war qualitativ vielleicht nicht unser bestes Spiel, aber wir haben den Sieg geholt. Wir brauchen Emotionskontrolle. Das ist wichtig. Wenn wir das dritte Tor nicht gemacht hätten, wäre es happig geworden.“
Aufstellungen:
SC Paderborn: Noll – ter Horst, Scheller, Hansen (75. Götze) – Curda, Castaneda, Obermair (63. Sticker) – Ulrich, Vidovic (73. Baack) – Pieringer (46. Tigges), Marino (73. Philippe)
TSG Hoffenheim: Baumann – Coufal, Ozan Kabak, Machida, M. Rots (46. Hajdari) – Avdullahu (80. Asllani), Burger – Conté, Daghim (80. Kramarić) – Moerstedt (62. Lemperle), Hlozek (62. Wimmer)
Tore: 1:0 Castaneda (29.), 2:0 Marino (42.), 2:1 Daghim (50.), 3:1 Tigges (69.)
Zuschauer: 14.224
Schiedsrichter: Schlager (Bietigheim)
Archivfotos: BWA und foto2press













